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Rheinische Post Xanten/Rheinberg Kultur Samstag 15. Mai 2010
Für zehn Millionen Euro ist jetzt in Xanten am Niederrhein ein neues Museum geschaffen worden - größtenteils in historischen Gebäuden des ehemaligen Kanonikerstifts. Präsentiert werden Kult- und Kirchenschätze in einer faszinierenden Raum- und Lichtgestaltung.
VON LOTHAR SCHRÖDER
XANTEN Im Grunde ist schon die Bauzeit des Museums ein Teil seiner Ausstellung. Denn ein Haus, das zwanzig Jahre geplant und an dem neun Jahre gebaut wurde, erinnert sehr an Gepflogenheiten des Mittelalters. Sagen wir es neuzeitlich: Das Stiftsmuseum zu Xanten ist kein Schnellschuss, vielmehr ein langwieriger Kraftakt gewesen - gerade für das Bistum Münster und das Land NRW, die in wirtschaftlich mauen Zeiten solche Investitionen von insgesamt zehn Millionen Euro erst einmal zu vertreten haben. Nicht zuletzt waren die Finanzen mitverantwortlich für die lange Planungs- und Bauzeit; ursprüngliche Entwürfe mussten etwas abgespeckt werden.
Einziges Ensemble aus Dom, Kreuzgang, Stiftsschule und Kellnereigebäude Jetzt ist diese Wunderkammer eröffnet, und jeder Kritiker, der über den Kreuzgang des angrenzenden Doms zum Museum geht und schließlich im ersten von zehn Räumen steht, wird auf der Stelle verstummen. Einen solch geglückten Bau hat es schon lange nicht mehr gegeben. Das gesamte Ensemble aus Dom und Kreuzgang, Bibliothek, Stiftsschule, Kanonikerhäusern und Kellnereigebäuden zum Teil aus dem 11. Jahrhundert ist damit um ein Juwel reicher geworden. Neben all den Kult- und Kirchenschätzen aus dem 6. bis 19. Jahrhundert - wertvollen Reliquiaren, Skulpturen, Paramenten, Gemälden und Urkunden - betört vor allem die gelungene Raum- und Lichtinszenierung. Das Kellergewölbe im Untergeschoss mit seinem dunklen Steinboden und seinen grauen Betonpodesten lässt die Heiligenfiguren in all ihrer Farbigkeit erstrahlen, darunter auch die erschreckend authentische ´Johannesschüssel´ aus dem 15. Jahrhundert, die das abgetrennte Haupt des Täufers in Keramik bettet. Oder oben unterm Dach, wo unter Holzbalken aus dem Mittelalter ein Teil des Paramentenschatzes in ein warmes Licht getaucht wird. Bei den kostbaren Gewändern ist ein zweites Phänomen zu erleben: die ausgeklügelte Lichttechnik. Das dort ausgestellte glockenförmige Gewand, das Bernhard von Clairvaux 1147 bei einer Messfeier in Brauweiler trug, ist aus goldgelber, byzantinischer Seide. Einfarbig ist der Stoff, doch seine aufwendige Webtechnik erzeugt faszinierende Strukturen. Um diese kenntlich zu machen, kommen allein in jener Vitrine 60 Glasfaseroptiken zum Einsatz, die mit ihrem steilwinkligen und punktgenauen Licht die Ornamente hervorzaubern. Solche Inszenierungen ersetzen nicht die Vermittlung historischen Wissens, aber sie verführen zur Geschichte auf ästhetisch faszinierende Weise. Und plötzlich gewinnt das Stiftsmuseum eine weitere, große Bedeutung - nämlich die als eine Stätte der ersten Begegnung mit dem Glauben, als Ort der Erstverkündigung. Bischof Felix Genn hatte beim Pontifikalamt zur Museumseröffnung dies ebenso im Blick gehabt wie Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff (CDU), der einen Besuch am liebsten allen Schulklassen verordnen würde - könnte er darauf künftig politischen Einfluss nehmen. Kirchengeschichte im Museum - das lässt sich auch zeitkritisch deuten. Das neue Haus in Xanten lässt eine museale Anmutung aber nicht aufkommen: Es ist keine abgelegte Geschichte, die hier zur Schau gestellt wird. Vielmehr wird eine Vergangenheit präsentiert, ohne die die Gegenwart nicht denkbar und die Zukunft kaum vorstellbar wäre. Zudem wird im Stiftsarchiv weiterhin emsig geforscht, auch mit Hilfe der grandiosen Bibliothek. Die hat mit ihren 15 000 Büchern - darunter 450 kostbare Wiegendrucke - von der Säkularisation 1802 ausnahmsweise ´profitiert´, da in Xanten Bücherbestände aus anderen Klöstern zusammengeführt wurden.
Im Kellergewölbe des Xantener Stiftsmuseums gelangen die Skulpturen zu einer faszinierenden Farbigkeit. FOTO: ARMIN FISCHER
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INFO
Öffnungszeiten
Stiftsmuseum: Dienstag bis Samstag 10–17 Uhr; Sonntag 11–18 Uhr Eintrittspreise: vier Euro, ermäßigt drei Euro. Der Katalog kostet 20 Euro. Gründung des St. Viktors Stiftes um 800 n. Chr. 1547 Errichtung der Bibliothek 1263 Grundsteinlegung d. Kirche 1802 Auflösung des Stifts. Im Museum wird mit einer Computeranimation der Dombau gezeigt. Das Projekt förderte die Anton-Betz-Stiftung der Rheinischen Post e. V. mit 15 000 Euro.
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Quelle: Verlag: Rheinische Post Verlagsgesellschaft mbH Publikation: Rheinische Post Xanten Ausgabe: Nr.112 Datum: Samstag, den 15. Mai 2010 Seite: A7
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